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Stattdessen soll das hier ein Post zur österreichischen Alltagskultur und ihren Wurzeln werden. Denn Alltag, Lebensformen und Kulturerscheinungen in der Geschichte der Menschheit nachzuempfinden und zu entdecken ist immerhin eines meiner Hobbies. Was bedeutet eigentlich typisch österreichisch wirklich?
Aber mit was fangen wir hier an? Vermutlich einmal mit dem Anfang.
Der Österreicher selbst ist eine Mischung aus seit dieser Zeit indigener Bevölkerung, Römischer Neubesiedelung, asiatischen Zuwanderern, die in der Völkerwanderungszeit dazu kamen und besonders große Zuwanderungswellen aus dem Osten und Süden erlebte Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jhdts, aus verschiedenen Gründen, gesteigerte Mobilität, Wirtschaftliches Wachstum, Weltpolitische Entscheidungen. Dass der Mensch selbst nicht aus Österreich kommt, das ist vermutlich bekannt. Die Wiege der Menschheit liegt je nachdem, welcher Theorie man nachhängt, entweder in Afrika oder in Vorderasien (im Zwischenstromland von Euphrat und Tigris).
Aber da es ja ohne den denkenden Menschen kein Österreich gäbe, müssen wir das wohl als notwendiges Übel betrachten.
Wenn wir übrigens gerade bei der katholischen Kirche sind, die wohl einen der stärksten Einflüsse auf die österreichische Kultur nimmt, so ist euch sicher bekannt, dass Jesus nicht aus Österreich stammt. Genau genommen kommt er aus dem heutigen Israel. Von dort aus breitete sich der christliche Glaube, verstärkt durch die römische Besiedlung unseres Gebietes nach Europa aus und heutige kulturelle Hochpunkte wie Ostern oder Weihnachten bürgerten sich bei uns ein.
Stichwort Weihnachten. Wann wart ihr das letzte Mal auf dem Christkindlmarkt? Habt ihr da so richtig traditionell Punsch getrunken (aus Tee aus Asien, Rum aus Jamaica, Zucker aus asiatischem Zuckerrohr und orientalischen Gewürzen wie Zimt, Nelken, Orangenschale und Kardamon)? Habt ihr Lebkuchen gegessen (auch mit diesen Gewürzen versehen)? Der Glühwein ist auch so ein Fall. Wusstet ihr bereits, dass der Weinbau, der in Österreich ja lange Tradition hat, von den Römern hier eingeführt wurde? Interessant ist sicher auch, zu wissen, dass 99% aller Weinstöcke in Österreich amerikanische Wurzelstöcke haben, auf die sie aufgepflanzt wurden. Weil diese resistent sind gegen den allgegenwärtigen Schädling, der Anfang des 20. Jhdts den gesamten europäischen Weinbau zerstörte, die Reblaus.
Nun, immerhin bleibt uns noch der Bratapfel, sagt ihr da, der ist ja wohl typisch österreichisch.... Naja... ich will euch nicht enttäuschen, aber der Kulturapfel, wie wir ihn als heimisches Obst kennen, kommt aus Vorderasien und entstand aus einer Kreuzung aus dem asiatischen Wildapfel und dem Kaukasusapfel. Generell sind die meisten heimischen Obstsorten nicht wirklich heimisch. Die Birne kommt aus Asien und Vorderasien, von wo sie von den Römern zu uns gebracht wurde. Die Zwetschke oder Pflaume gab es zuerst in Anatolien (der heutigen Türkei). Die Marille oder Aprikose kommt aus China. Die Kirsche aus Kleinasien. Und die Quitte kommt aus dem Kaukasus. Dass auch der österreichische "Obstler" und der Gewürzlikör Jägermeister nicht wirklich unserem Grund und Boden entspringt, erklärt sich damit von selbst.
Mit Nahrungsmitteln können wir übrigens gleich weitermachen. Dass die Kartoffel aus Amerika kommt, genauso wie der Mais, sollte bekannt sein. Wusstet ihr aber, dass auch die Tomate aus Südamerika kommt?
Aber die zünftigen Abende im alpenländischen Raum mit einem bekannten österreichischen Produkt, dem Bier, die kann uns ja wohl keiner nehmen? Ja, die Abende selbst sind vermutlich österreichisch. Das Bier wurde allerdings in Mesopotamien "erfunden".
Österreichisches Feiern und Bier verbinden wir ja auch immer mit der wohl typischsten Kleidung für den Österreicher, der Tracht. Ja, diese Formen der Kleidung sind zumindest halbwegs authentisch österreichisch. Auch wenn der angesetzte Rockteil in der Frauenkleidung und die elegante Fältelung von Kleidungsstücken eine Mode ist, die im späten Mittelalter aus Frankreich zu uns kam. Die Baumwolle, mit der die meisten Trachten heute genäht werden stammt entweder aus Amerika, Asien oder Ägypten und das Indigo, mit dem das typische Blaudruck-Dirndl eingefärbt wird aus Indien. Die Strickstutzen werden übrigens in einer Technik hergestellt (dem Stricken nämlich), die aus dem arabischen Raum über Spanien zu uns kam. Dass das schöne seidene Fransenhalstuch der Damen aus chinesischen Seidenraupen gemacht wird, dieses Wissen traue ich den meisten zu.
Und was isst man auf so einem zünftigen österreichischen Abend? Ein Schnitzel, das sich von der italienischen Piccata Milanese ableitet mit Kartoffelsalat (siehe oben) und einen Apfelstrudel, der ohne orientalischen Zimt wohl nichts wäre, aber lustig ist, dass auch dieser nicht von den Österreichern erfunden wurde. Genau genommen entwickelte der sich nämlich aus dem Baclava, einer türkischen Süßspeise. Die Türken sind übrigens ein gutes Stichwort, sind sie doch seit Jahrhunderten eine "Bedrohung" für die österreichische Kultur. Dass sie uns den Kaffee brachten, der heute Basis ist für die typisch österreichische Kaffeetradition, ist aber etwas, das ich schon in der Schule gelernt habe. Man könnte auch auf ein Liptauerbrot zurückgreifen (mit ungarischem Paprika hergestellt) oder die Gulaschsuppe (nun ja...), auf einen Salat mit Backhendl und Kernöl (aus dem österreichischen Gartenkürbis, diese Art wurde aus Amerika eingeführt).
Was ist noch typisch österreichisch? Mozart werdet ihr sagen. Ja, Mozart war Österreicher. Wiener sogar und nach seinem Familiennamen zu schließen, lebte seine Familie auch schon länger hier. Die berühmte weiße Perücke und generell die Mode, die so typisch für ihn ist, kommt aber aus Frankreich und er bezog viele musikalische Einflüsse aus Italien. Die Mozartkugel besteht übrigens aus Marzipan (die Mandel kommt aus Asien), Pistazie (die kommt aus Arabien), Nugat (das in Italien erfunden wurde) und Schokolade (aus Südamerika). Die südamerikanische Schokolade findet man übrigens auch in der Sachertorte. Und Daniel Swarovski, der Gründer einer der berühmtesten österreichischen Firmen, wie sein Name schon andeutet, ist eigentlich aus Böhmen. Deshalb kannte er sich vermutlich auch so gut mit Glas aus.
Nun, die Liste könnte man schier unendlich so fortsetzen, aber ich glaube, hier genügten die Beispiele erst einmal, um zu zeigen, was ich zeigen wollte.
Nämlich dass Kultur eine bewegliche Sache ist, die sich vielen Einflüssen stellt und sich mancher davon annimmt, sie ist nicht starr und soll es auch nicht sein, sie lebt und verändert sich damit. Fortschritt ist nichts abzulehnendes, zumal er ohnehin nicht aufzuhalten ist. Vermischung verdrängt alteingesessenes und bringt uns neues, bis wir es in 100 Jahren oder mehr wieder verdrängen durch neue Einflüsse. Das geistige Konstrukt "typisch österreichisch" existiert nur in unseren Köpfen, es ist ein Gedanke. Und ein Gedanke kann gelöscht und verändert werden... wenn wir es wollen.